November 25, 2016

{Selbstgeschriebenes} Wir warten auf Worte, die unausgesprochen bleiben

„Ich verstehe nicht, wieso du dich selbst so sehr verabscheust!“, schleuderte er ihr entgegen. Worte wie Messerstiche. Scharf. Vernichtend. Und doch von einer unfassbar großen Sorge sprechend. Unverständnis. Ein Vorwurf. Wut.
Obwohl er dies überhaupt nicht wollte. Er wollte sie verstehen, wollte die nassen Flügel, die von dem Stein an den Spitzen immer weiter nach unten getrieben wurden, befreien. Die Steine loslösen, sie voller Wucht gegen das Glas feuern. Glas konnte splittern. Ebenso wie eine Seele. Ein Phänomen, das er zu dem Zeitpunkt ebenfalls nicht verstanden hatte.
Sie zog die Schultern ein, senkten den Kopf. Wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Würde er es jemals verstehen?
„Dein Hass ist selbstzerstörerisch!“
Richtig festgestellt, dachte sie zynisch. Erschrak vor den eigenen Gedanken. Früher war sie nicht so gewesen. Ein weiterer Punkt auf der Liste. Sie wurde mit jedem Gespräch länger.
Taten sie das überhaupt noch? Miteinander sprechen? Oder gab er nicht bloß Worte von sich, ebenso wie sie? Jeder für sich. Worte, die an dem anderen vorbei glitten. Davon schwebten, bloß ausgesprochen, aber ungehört.

*

„Was machst du da?“ Panisch. Schrill. So hatte seine Stimme noch nie geklungen.
„Wieso sitzt du so dicht am Rand?“
Er stand neben ihr. Ganz dicht. Sie konnte den Nachhall des Steine-Knirschens noch hören. Seinen Atem spüren. Er ging fast schneller als ihrer und hatte doch etwas Gleichmäßiges. Die Regelmäßigkeit, die sie in ihrem Leben so sehr verabscheute. Hasste sie ihn deshalb so sehr? Weil er etwas gefunden hatte, das ihn ruhig schlafen ließ?
„Wovor hast du solche Angst?“ Unerwartet. Ein Stoß Richtung Kante. Und doch der mühsame Versuch, sie am Leben zu halten.
Sie schluckte. Sandtrockensprechschwer.
Ein Krächzen. Wie eine Krähe. Ein Rabe. Flügel dieses. Federn, die zu Boden glitten. Hinab, gen Boden. 10 Meter nach unten. Segelnd. Schwebend. Unbeschwert wirkend. Und doch wusste sie, was es bedeutete, 10 Meter hinab zu stürzen.
„Vor dem Leben“, antwortete sie.
Er ging in die Hocke. Auf gleicher Höhe. Augenhöhe. Das Gesicht ganz nah. Und doch weiter entfernt als das Firmament selbst.
„Wie kann man vor dem Leben Angst haben? Ist es nicht das, was wir hier tun? In diesem Augenblick? Leben? So etwas konstantes, der Anhaltspunkt unserer Seins. Und davor hast du Angst?“
Er nahm sie nicht ernst. Mal wieder nicht. Warum fragte er, wenn ihm die Antwort letztlich sowieso ein Rätsel war? Sprach sie so kryptisch? Oder wollte er einfach nicht zuhören?
„Ist dir schon einmal aufgefallen, dass wir untergehen? Untergehen in dieser Masse, in der Gesellschaft, in dem, was du Leben nennst? Jeglicher Gedanke wir weitergeführt, ausgeführt, niedergemetzelt. Alles braucht einen Sinn, alles muss effektiv und initiativ sein. Denn unsere Gesellschaft soll vorankommen, ans Ziel kommen. Meistern jeglicher Probleme, oder sie zumindest überdenken. Dreht sich die Erde um die Sonne? Oder doch nicht eher die Sonne um die Erde? Denn dreht sich nicht alles um die Erde? Ihre Bewohner, ihre Ressourcen, ihr Leben?“
Stocken. Ein Blick zum Mond. Silbrigglänzendweitentfernt. Immer da und doch kaum nennenswert. Denn dreht sich nicht alles um die Erde? Oder die Sonne?
Er nahm ihren Arm. Nicht sachte und gefühlvoll, wie früher. Ein fester Griff. Bestimmend.
„Komm weg da. Weg vom Rand.“
Was er eigentlich sagen wollte: „Wenn du solch einen Bullshit redest, kommst du da weg. Denn wenn du springst, bekomme ich Ärger.“
Als ob er sich jemals wirklich Sorgen gemacht hätte. Viel eher war es die Angst vor den Konsequenzen. In Schwierigkeiten zu geraten und der Konstanten entrissen zu werden.
„Ich habe Angst, bei all diesen Gedanken in dieser Masse unterzugehen.“

*


„Worauf wartest du?“
„Auf einen Helden.“
Augenzusammenkneifen. Stirnrunzeln. Überlegen. Gedankenminuten.
„Wir wissen doch beide, wir brauchen keine Helden.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Er war nicht dein Held. Und das wissen wir ebenso, wie dass wir die nicht brauchen. Es ist wie mit den Worten.“
Fragender Blick.
„Es ist wie mit den Worten. Wir warten auf Worte, die unausgesprochen bleiben. Immer und immer wieder, obwohl uns längst klar ist, dass niemand sie sagen wird.“
„Aber was tun wir dagegen?“
„Wir sprechen sie selbst aus.“ 



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