November 03, 2016

{Selbstgeschriebenes} Der Junge, der schweigt


Er sei mutig, erzählt man sich. Mutig und tapfer. Bereit, dem Monster entgegen zu treten und sie alle zu retten. Sämtliches Unglück von ihnen abzuwenden, das Glück zurück zu bringen.
Und wie er so zwischen den Wolken tanzt, auf seinem Seil zwischen den Häusern, wolkenkratzerhoch, denkt er an all ihre Worte. Mutig. Tapfer. Ein wahrer Held. Der sie alle rettet. Dieser Gedanke legt sich auf seine Schultern, während er dort oben geht.

Schritt für Schritt. Ganz klein müssen sie sein.
Den Fokus auf einen Punkt gerichtet, kein Gedanke anderes verschwendet.
Geradeaus.
Schritt für Schritt.
Windstille.
Das Gefühl der Schwerelosigkeit. Frei. Losgelöst.
Über den Wolken. Wolkenkratzerhoch.
Mit beiden Füßen auf dem Seil, nicht fest auf dem Boden.
Kein Wort. Schweigen.


Er wird sie alle retten, hallt es in seinen Gedanken nach. Das Monster muss bekämpft werden.
Doch wie bekämpft man ein Monster, das sonst niemand sieht? Kein Monster unterm Bett. Keines im Schrank oder lauernd vor der Tür. Ein Monster im Kopf.
Groß, unaufhaltsam, die Krallen meterlang, fast so lang wie die Wolkenkratzer hoch. Funkelnde Augen, Worte, die sprühen. Auf der Haut brennen. Worte der Wahrheit.
Dieser Gedanke legt sich auf seine Schultern, während er dort oben geht.

Schritt für Schritt. Ganz klein müssen sie sein.
Den Fokus auf einen Punkt gerichtet, kein Gedanke anderes verschwendet.
Geradeaus.
Schritt für Schritt.
Windstille.
Das Gefühl der Schwerelosigkeit. Frei. Losgelöst.
Über den Wolken. Wolkenkratzerhoch.
Mit beiden Füßen auf dem Seil, nicht fest auf dem Boden.
Kein Wort. Schweigen.


Er sei der Held der Stadt, heißt es. Wenn er sie rettet. Vor dem Monster in ihren Köpfen. Worte der Wahrheit, die sie nicht hören wollen. Worte, die nicht ankommen, in einer Welt aus Glas, Gold und Juwelen. Alles glitzert und glänzt, zieht seine Bewohner in seinen Bann. Und sie wollen, dass er sie rettet. Das Monster erlegt. Zum Schweigen bringt.
Dieser Gedanke legt sich auf seine Schultern, während er dort oben geht.

Schritt für Schritt. Ganz klein müssen sie sein.
Den Fokus auf einen Punkt gerichtet, kein Gedanke anderes verschwendet.
Geradeaus.
Schritt für Schritt.
Windstille.
Das Gefühl der Schwerelosigkeit. Frei. Losgelöst.
Über den Wolken. Wolkenkratzerhoch.
Mit beiden Füßen auf dem Seil, nicht fest auf dem Boden.
Kein Wort. Schweigen.


Er soll das Monster zum Schweigen bringen. Mit Worten. Doch wüssten sie, dass jedes Wort, das aus seinem Mund quillt, die Wahrheit ist, so würden sie ihn nicht als ihren Held sehen. Nicht mutig. Nicht tapfer. Nicht der Glücksbringer, sondern der Wahrheitsbringer.
Er soll nicht ehrlich sein, sondern das Monster zum Schweigen bringen. Doch die Worte, die dies könnten, die darf er nicht nennen.
Also schweigt er.
Dieser Pakt mit der Stille legt sich auf seine Schultern, während er dort oben geht.

Schritt für Schritt. Ganz klein müssen sie sein.
Den Fokus auf einen Punkt gerichtet, kein Gedanke anderes verschwendet.
Geradeaus.
Schritt für Schritt.
Windstille.
Das Gefühl der Schwerelosigkeit. Frei. Losgelöst.
Über den Wolken. Wolkenkratzerhoch.
Mit beiden Füßen auf dem Seil, nicht fest auf dem Boden.
Kein Wort. Schweigen.

Ein Pakt mit der Stille.

Kommentare :

  1. Ein sehr poetischer Text, welcher regelrecht zum Nachdenken anregt.Besonders die Bezeichnung "Monster im Kopf" lässt mich irgendwie gar nicht mehr los.

    Hab einen entspannten Abend!

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    1. Vielen, vielen Dank, Marlene.
      Besonders dieser Text liegt mir sehr am Herzen, entstand er doch vollkommen unüberlegt und aus einem Gefühl heraus, das mich schon vor langer Zeit immer wieder nachdenklich stimmte.
      Denn haben wir nicht alle unsere eigenen, kleinen Monster im Kopf?

      Liebste Grüße und einen schönen Abend Dir,
      Franzi

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  2. Wow, der Text ist einfach wundervoll, du kannst wirklich ganz toll schreiben!

    Liebe Grüße
    Jimena von littlethingcalledlove.de

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    1. Tausend Dank! Bei solch einem zauberhaften Kompliment weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. :)

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  3. Bin wieder mal sehr begeistert :)
    Vor allen Dingen, dass der Text sehr viel Interpretationsfreiraum lässt, gefällt mir.
    Würde mich sehr interessieren, aus welchen Gründen oder Gedanken du ihn verfasst hast.
    Alles Liebe, May von Mayanamo

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    1. Danke sehr, May.
      Mir persönlich gefallen auch die Texte am Besten, die Platz für eigene Gedanken lassen, weshalb ich immer versuche, mit meinem Geschreibsel niemanden in eine bestimmte Ecke zu drängen. Umso mehr freut es mich, dass es mir bei diesem gelungen ist. :)
      Der Text entstand spät in der Nacht, als ich nicht schlafen konnte, weil ich das Gefühl hatte, die Erwartungen aller anderen würden über mir zusammenbrechen. Eben weil ich ihnen das Bild eines Mädchens vermittelte, das auch die Lasten anderer mittragen kann, vielleicht weil ich ziemlich empathisch bin. Doch irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man merkt, dass man erst einmal die eigenen "Monster im Kopf" besiegen muss, bevor man es bei anderen tun kann. Und dass dies nur gelingt, wenn man es mit der Wahrheit versucht. :) Ich hoffe, das konnte dir deine Frage etwas beantworten.
      Vielen Dank für dein liebes Kommentar.

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    2. Echt schöner Post.
      Folge dir direkt mal...
      Vg Emily
      Vielleicht schaust du ja mal bei mir vorbei...;)

      http://xsweetredstrawberry.blogspot.de/

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    3. Dankeschön. :-) Da freue ich mich sehr und schaue auch gerne auf deinem Blog vorbei.

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