August 02, 2016

{Selbstgeschriebenes} In zwei Hälften geteilt



Der Himmel hatte eine Farbe angenommen, die dunkler war, als die tiefsten Tiefen des Meeres. Kein Stern war zu sehen und wenn man durch das Fenster nach oben sah, erwartete einen nichts als unendliche Schwärze. Unendlich. Gab es so etwas überhaupt? Musste nicht alles irgendwann enden? So wie diese Liebe?


Sie saßen auf dem schmalen Fensterbrett, den Kopf an die kühle Scheibe gelehnt, die Knie angezogen. Sie trug seinen Pullover, der ihr eigentlich viel zu groß war, doch noch immer fror sie. Als käme die Kälte von innen und wäre mit Wärme nicht abzuschütteln.
Seine Socken hatten Löcher und die Jeans schien ausgeblichen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sein gesamter Körper mit einer Gänsehaut überzogen war, trug er auch nur ein dünnes T-Shirt. Doch den Pullover zog sie trotzdem nicht aus. Früher hätte sie es sicherlich getan. Doch inzwischen.
Es war spät und sie waren beide nicht mehr ganz nüchtern. Auf dem Küchenboden standen zwei leere Flaschen Wein und etwas von der roten Flüssigkeit war auf den Boden getropft.
Ein Bluttropfen, dachte sie. Es ist sein Herz, das blutet.
Neben dem Rot zog sich ein schmaler Riss durch die Fließe. Vermutlich von den unzähligen Gläsern, die ihr hier bereits herunter gefallen und zu Bruch gegangen waren. Die Fließe wurde in zwei Hälften geteilt, der Riss durchzog sich genau durch die Mitte.
Wie mein Herz, dachte er. In zwei Hälften geteilt.
Er spürte ihre Anwesenheit so sehr, hatte das Gefühl, jedes Härchen an seinem Körper würde vibrieren, wenn sie bloß atmete. So intensiv wie jetzt hatte er sie noch nie gespürt. Obwohl sie am anderen Ende des Fensterbrettes saß, zwischen ihnen noch Platz für eine weitere Person gewesen wäre, ertrug er ihre Anwesenheit kaum. Wie oft hatten sie hier gesessen? Nackte Füße, bloß in Unterwäsche. Sie seinen Kopf an seine Schulter gelehnt, er seine Hände in ihren weichen Haaren vergraben. Diese Momente waren von einem ganz besonderen Duft geprägt gewesen. Die Mischung aus Hitze, der kühlen Luft, die durch das offene Fenster herein geweht war und ihrem Shampoo, das ihn an den Herbst erinnerte. Immer hatte das Fenster offen gestanden und sie hatten trotzdem dort gesessen. Die Angst zu fallen? Die gab es nicht.
Bloß jetzt, jetzt hatte er Angst zu fallen, obwohl das Fenster geschlossen war.
Und so rutschte er von der Fensterbank, spürte ihren Blick im Nacken. Er stieg über den roten Fleck und den Riss hinweg, umrundete den kleinen Küchentisch und blieb unschlüssig vor der Küchenzeile stehen. Mit dem Rücken zu ihr.
Sie sah, wie er sich von ihr entfernte. Stück für Stück. Sonst drückte er die Schultern immer durch, machte sich groß. In diesem Moment nicht mehr.
Als er sich zu ihr umdrehte, trafen sich ihre Augen.
Braun auf Grün.
Wald auf Wiese.
Es hatte immer so gut gepasst. Sie hatten sich so gut ergänzt.
Er leise, sie laut.
Er groß, sie klein.
Er organisiert, sie chaotisch.
Er ernst, sie verrückt.
Wie dunkel und hell.
Mond und Sonne.
 Wald und Wiese.
Und doch hatte es nicht gereicht. Sie wussten es. Beide.

Er wandte den Blick ab, beugte sich vor, um die Gläser vom Küchentisch zu nehmen. An dem einen klebte der Rest von Lippenstift. Sie trug nie Lippenstift.
Er hielt sie unters Wasser, ließ das Nass über sie laufen und spülte sie aus, wischte die letzten Spuren fort.
„Bitte sag doch was.“
Sie zerriss die Stille. Zerstörte mit diesen vier Worten all das, was er sich mühsam zusammengebaut hatte.
Und er ließ die Gläser fallen und rannte. Rannte. Rannte hinaus, auf die Straße. Bloß auf Socken. Hinein in die Schwärze. Fort von ihr.
Auf dem Boden lagen Scherben. Die Gläser waren zerbrochen.
Sie saß noch immer auf der Fensterbank. Alleine.
Und im Grunde wussten sie beide, dass es nichts mehr zu sagen gab.


***

Vielen Dank für's Lesen!

Kommentare :

  1. Wow! Bis jetzt bestimmt das Beste was ich von dir gelesen habe!
    Hast du vorher auch schon so "Kurzgeschichten" geschrieben?
    Es hat mich total gepackt, hätte noch viiiiel mehr lesen können!
    Alles Liebe, May von Mayanamo

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    1. Gerade sitze ich mit einem riesengroßen Strahlen vor dem Bildschirm. *-* Vielen, vielen Dank.
      Ja, ich habe vorher auch schon Kurzgeschichten geschrieben. Einige findet man auch hier auf meinem Blog unter "Selbstgeschriebenes". Die meisten Veröffentlichungen gehen allerdings auf 2015 zurück.

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  2. Wooow! Echt großes Lob an dich! Der Text war so unglaublich schön verfasst...sowas verdient mehr Aufmerksamkeit!

    Love,
    Christina ♥
    cinapeh.blogspot.de

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    1. Vielen, vielen Dank. Es freut mich so, dass er dir gefällt. ♥

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  3. Wirklich wunderbare Geschichte! Hast es geschafft, dass man beim Lesen richtig mitfühlt:)
    Bin grade auf deinen Blog gestoßen und der hat mich echt begeistert!!

    Liebste Grüße von
    untitledworlds.blogspot.de

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    1. Ich habe mich so über deine lieben Worte gefreut. Vielen, vielen Dank. Es ist toll, dass dir die Geschichte gefällt und ich dich nun als neue Leserin Willkommen heißen darf. :)

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