August 12, 2014

(Kurzgeschichte) Barfuß

(Quelle: www.fasten-fit-wandern.de)


Es gibt Begegnungen im Leben, die bleiben einem ewig in  Erinnerung.

- Sommer 1994. Urlaub auf der Nordseeinsel Föhr. -


Bei einer Wattwanderung zur Nachbarinsel hatte ich mir den Fuß an einer Muschel aufgeschnitten und konnte somit auf der Busfahrt zum Hafen keine Schuhe mehr tragen.
Barfuß in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Natürlich brachte mir das einige missbilligende Blicke ein. Beschämt sah ich zu Boden und entdeckte zwei Füße. Ebenfalls ohne Schuhe.

Überrascht hob ich den Kopf. Sofort gefangen in diesen mattgrünen, freundlichen Augen. Wiesengrün.

Der junge Mann lächelte mir herzlich zu und reckte den Daumen in die Höhe, wie um mir zu zeigen, dass er unsere Situation cool fand und ich es gelassen nehmen solle. Diese blonden, verwuschelten Haare und der Drei-Tage-Bart ließen ihn mir sofort sympathisch wirken.

Was er wohl hier auf der Insel zu suchen hatte? War er ein Tourist, wie ich?

Da erkannte ich, was auf seinem Kapuzenpullover geschrieben stand:

"Wir sind die Natur. Wir sind freiwillig am Meer."

Ein FSJ'ler im Nationalpark Wattenmeer.

Naturfreund. Öko Hippie.

Erstaunt und zugleich begeistert suchte ich den Blick des Naturverbundenen.

Die enge Masse im Bus schien eine Barriere zwischen uns zu bilden, obwohl wir nur wenige Meter voneinander entfernt standen. Eine große Brünette schob sich zwischen uns und  ich war zu klein, um einen weiteren Blick auf seinen sportlichen Körper zu erhaschen.

Meine Augen neigten sich dem Boden entgegen. Durch Zufall fiel mir der Sonnenbrand auf seinen nackten Füßen auf.

Wenige Sekunden später schob die Frau sich an mir vorbei, um auszusteigen. Der Bus ruckelte, ich schwankte und stieß gegen seine Brust. Hilfsbereit ergriff er meinen Arm, stellte mich aufrecht hin.

"Alles okay bei dir?", fragte er mit warmer, sanfter Stimme. Unmöglich ein Wort hervor zu bringen, nickte ich einfach nur.

Plötzlich hielt das Fahrzeug wieder.

Er ergriff seinen Rucksack, der vor ihm auf dem Boden stand und eilte nach draußen. Einfach so. Ohne ein Wort.

Auf dem Bordstein drehte er sich noch einmal um. Unsere Blicke trafen sich.

Das letzte, was ich von ihm sah, waren die sonnenverbrannten, nackten Füße.

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